Dunkle Schatten - Narratho & Euvalie

Veröffentlicht am 22. Februar 2023 um 23:31


Schreibkurs "Kreatives Schreiben"

Aufgabenstellung: "Dunkle Schatten" - eine Kurzgeschichte schreiben


Euvalie war pure Energie. Ein weißer, starker und freundlicher Strom aus heller Kraft. Geboren aus der Jungfräulichkeit der Zeit und erstarkt im Schimmer positiver und reiner Gedanken.


Sie gehörte dem Volk des Lichterstroms an und trieb als hoffnungsvoller Funke im Strom zwischen Raum und Zeit. Wie die Strahlen der Morgensonne, die wie ein lieblicher Hauch einen frischen Tau auf einer frischen Blumenwiese legten.
Reizend, wie heller Hochnebel, welcher inbrünstig einen kargen Gebirgsstock umarmt. Kein Herz, das schlug. Doch ein schimmernder Geist und eine grundgütige Seele. Das alles war Euvalie. Ein Kreislauf glühender Euphorie und schillernder Kraft.

 

Es geschah eines Tages, dass Euvalie, der Funke des Lichterstroms, der ihr verbotenen Grenzen zu nahe kam. Ihre angereicherte Leuchtkraft drang neugierig auf jene Lande, die dem Volke des Dunkelmeeres angehörten. Undurchsichtige Leere bewohnte den trüben Schatten, der aus verschleierter Dunkelheit trat.
Dies war jenes Reich, dessen Narratho, dem Zirkel des schwarzen Flusses, angehörte. Geheimnisvoll tastete sich die dunkle Macht an die verhängnisvollen Pforten des Lichterstroms. In Finsternis gehüllt und in düsteren Schwingungen gefangen, näherte sich Narratho dem unbekannten Lichtspiel.

 

"Wer bist Du?", fragte er, seine Stimme war starr und kräftig. Euvalie, die strahlende Güte, verneigte sich und erwiderte sanft. "Ich bin Euvalie aus dem Volk des Lichterstroms." Das manifestierte Schwarz begegnete dem freundlichen Weiß mit der gebührenden Ehrerbietung. "Ich bin Narratho, ein Mitglied der Sippe des Dunkelmeeres."

 

Euvalie staunte und ihre Neugierde vor dem großen Unbekannten wuchs. Ihre Energie formte gewaltige, helle Funken der Lust. Diese erweckten eine unergründbare Sehnsucht nach dem, was ihr bislang verborgen geblieben war. Narratho fühlte, wie die pechschwarze Materie durch den Strom seiner Finsternis wanderte und ihn dabei mit Wissbegierde erfüllte.
„Ich würde gerne mit dir tanzen“, sagte der Sohn des Dunkelmeeres schüchtern.
"Ich bin mir nicht sicher, ob Dein Schein mich verzehrt und zu einem Deiner gleichen macht." Euvalies heller Schimmer vibrierte im Glanze des Lichtes.

"Auch mich sehnt es, Dich zu berühren", wisperte die Tochter des Lichterstroms. "Ich bin mir nicht sicher, ob die dunklen Schatten, die Du auf meinen Schimmer wirfst, mich in Lustlosigkeit und Trauer stürzen." Sie verharrten an der verbotenen Grenze, bevor sie sich Dunkel und Hell ihrer Sehnsucht hingaben.
Leidenschaftlich ergoss sich die Dunkelheit in das Licht und entfachte einen Wirbel aus Lust und Hingabe. Beide waren im Rausch ihrer Sinne gefangen und tanzten in Ekstase einem nie zuvor angestrebten Höhepunkt des Verlangens entgegen. Das grelle Licht verwandelte die Dunkelheit in ein fahles Grau. Schwarz und Weiß wurden zu einem schemenhaften Grau.

Im verbotenen, aber verlockenden Grau verspürten Narratho und Euvalie, dass ihre Leidenschaft und Hingabe sie ihrer Lebensgeister beraubte. Und so faszinierend und verheißungsvoll ihre Verschmelzung auch war, so würden sie beide in einem Sturm an grauer Energie sterben.
Dort, an der Grenze zwischen Dunkel und Hell, ließen der Sohn des Dunkelmeeres und die Tochter des Lichterstroms wieder voneinander ab. "Wir können und dürfen nicht länger vereint bleiben", sprach Narratho. "Obwohl ich es begehre, es würde uns zerstören." Euvalie stimmte ihm zu. "Wir haben einen Funken des anderen in uns erhalten, den wir auf immer bewahren werden!"

So formte Schwarz und Weiß einen Kreis mit einer klaren Grenze, die das Beste ihres Lebens wieder zur Geltung brachte. "Ich werde Dich nie vergessen, Euvalie", sprach Narratho und verneigte sich demütig. "Auch ich werde einen Teil von Dir stets mit mir tragen", erwiderte Euvalie und bedankte sich mit einem freundlichen Funkeln.

Und so kam es, dass im Kreis aus Schwarz und Weiß, jeweils ein Funke des anderen erhalten blieb.

Für immer.

Auf ewig.

Es war dies die Geburtsstunde von "Yin und Yang".

(von Peter Ofner) 

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